Katje Binder - Reittherapie

Psychologische Psychotherapeutin

Psychologische Reittherapie

Wie läuft eine reittherapeutische Einheit ab?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, Reittherapie zu gestalten. Eine ist beispielsweise wie folgt:

Klientin ist die siebenjährige H. Sie wird von ihren Eltern geschickt, weil sie Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren und "bei der Sache" zu bleiben. Auch motorisch wirkt sie ungeschickt und eher zögerlich. H. ist seit etwa einem halben Jahr bei mir.

Nahziel: H. soll selbständig das Pferd zum Reiten fertigmachen und sich dabei auf die dafür notwendigen Schritte besinnen. Beim Putzen werden die unterschiedlichsten Bewegungen gefordert: Vom Schrubben mit der Wurzelbürste über großflächige Züge mit der Kardätsche bis hin zum Hufauskratzen.

Fernziel: Die Körperwahrnehmung soll verbessert und die Koordination verfeinert werden. Sowohl grob- als auch feinmotorisch soll H. auf den Stand ihrer Altersgenossen kommen. Die Konzentration soll soweit gestärkt werden, dass sie eine überschaubare Aufgabe selbständig zu Ende bringen kann. Affektiv-emotional ist anvisiert, dass H. eigene Bedürfnisse (etwa nach Pause und Entspannung) erkennen und sinnvoll kommunizieren kann, statt alles fallen zu lassen und die Mitarbeit zu verweigern.

H. kommt, wird begrüßt und entscheidet sich, mit Apollo an der Longe zu reiten. Sie holt Apollos Halfter und geht mit mir in den Paddock, um das Pferd zu holen. Sie begrüßt die anderen Pferde, streichelt hier und da eines, das sich nähert, während ich ihre Fragen zu den anderen Ponys und Pferden beantworte. Wir gehen zu Apollo, begrüßen und streicheln ihn und bemerken, dass ihn sein Freund Vascur, der Isländer, in den Hals gebissen hat. Die Verletzung ist jedoch nicht weiter schlimm, also ziehen wir gemeinsam das Halfter über Apollos Kopf und H. führt ihn durch die Herde in den Stall zum Anbindeplatz.

Sie holt das Putzzeug, und weil Apollo so groß ist, putzen wir ihn gemeinsam. Die Vorderhufe schafft H. schon alleine, bei den Hinterhufen helfe ich. Bis jetzt sind etwa 20 Minuten vergangen. Wir holen zusammen die notwendige Ausrüstung (Trense, Dreieckszügel, Longe, Voltigiergurt, Pad) und legen sie dem Pferd an, wobei H. gemäß ihrer Möglichkeiten mithilft.

Das Mädchen führt Apollo zum Springplatz, wo es mit Hilfe aufsteigt und zunächst ein paar Runden selbständig reitet, um Apollo aufzuwärmen. (Bei Anfängern, ängstlichen oder sehr unselbständigen Kindern gehe ich in unmittelbarer Nähe mit bzw. halte das Pferd am Strick, um dem Duo mehr Sicherheit zu geben.) Nachdem dies getan ist, reitet sie in die Ecke des Platzes, in der longiert werden kann, und wir verschnallen die Dreieckszügel und gurten noch einmal nach.

Anschließend geht Apollo an der Longe im Kreis um mich herum. H. sitzt locker auf seinem Rücken, schüttelt Arme und Beine aus, wackelt mit dem Kopf und macht andere Gleichgewichtsübungen. Nach einigen Runden möchte sie traben. Sie hält sich an den Griffen des Voltigiergurtes fest und klopft vorsichtig mit den Beinen an Apollos Bauch, während ich ihm das Kommando "Trab" gebe. Die beiden traben eine Runde, dann fällt Apollo wieder in Schritt. Wir unterhalten uns darüber, wie sich das anfühlt und wie man es schafft, trotz des Gewackels locker auf dem Pferderücken sitzen zu bleiben. Nach einigen mehreren Trabreprisen schnalle ich Longe und Dreieckszügel wieder ab und H. macht noch eine "Entspannungsrunde" um den Platz, wobei sie selbständig über einen kleinen Hügel reitet, der sich auf dem Springplatz befindet.

Nun ist die Zeit schon recht weit fortgeschritten, und ich helfe, wieder im Stall angekommen, die Ausrüstung abzumachen und fortzuräumen. H. holt einen Pferdekeks und hält ihn Apollo hin, der ihn vorsichtig aus der Hand nimmt. Zum Schluß wird er wieder in die Herde gebracht und verabschiedet.

Was war hier therapeutisch wirksam?

1. Das bedingungslose Ernstnehmen des Kindes und die gezielte Verstärkung positiver Handlungen und Entwicklungen (nur auf Stärke kann man aufbauen - ressourcenorientierter Ansatz)

2. Stärkung der Selbstwirksamkeit. Das Kind erfährt: Ich kann etwas. Es ist wichtig, was ich mache und wie ich es mache. Es fühlt sich gebraucht und akzeptiert.

3. Der Umgang mit dem großen Pferd, das sich trotz seiner Größe von einem Kind führen und reiten läßt. Hier färbt etwas von der Größe und Macht aufs Kind ab. Sitzt es auf dem Pferderücken in etwa 2,30m Höhe, ist es größer als die Erwachsenen und kann mehr sehen.

4. Die Bewegungserfahrung in Schritt und Trab: Getragenwerden, harmonischer Rhythmus und die Gewißheit, dies genießen und bewältigen zu können.

5. Die logische Struktur und die Bedürfnisse des Pferdes, die den Rahmen für die Therapiestunde geben: Erst muss man putzen; vor dem Traben muss Schritt geritten werden, um das Pferd aufzuwärmen; Apollo möchte hinterher zur Belohnung einen Pferdekeks.